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Schnörzen


Vor einigen Jahrhunderten gab es zur österlichen Fastenzeit auch eine Weihnachtsfastenzeit, die am 11.11. jeden Jahres begann. An dem Martinstag gingen die Kinder durch die Straßen und sangen an den Türen, um etwas Süßes zu bekommen. So entstand das Schnörzen.


Eine Brauchparallele zur Fastnacht waren ursprünglich wohl auch die Heische-Umzüge am 11. November. Ähnlich wie man vor dem Aschermittwoch noch mal spezielles Gebäck in Form von Fastnachtsküchlein, Fastnachtskrapfen oder Fastnachtswaffeln herstellte, um in der Fastenzeit die Eier- und Schmalzvorräte nicht verderben zu lassen1, gab es am Martinstag mit Blick auf die nahende Weihnachtsfastenzeit ebenfalls bestimmte Backwaren und Brote mit Motiven. Diese Leckereien wurden sowohl an Fastnacht wie auch am Martinstag jeweils in einem regen Austausch von Haus zu Haus verschenkt oder erbeten. In der Fastnacht des Spätmittelalters nahm das ritualisierte Geben und Empfangen, bei dem man gruppenweise durch die Straßen zog, lärmte, spaßte und Unfug trieb, teilweise so exzessive Formen an, dass nicht selten die Obrigkeit einschritt und das „Küchlein holen“ generell untersagte. Am Martinstag verliefen die Heischegänge dagegen ungleich harmloser – vermutlich allein schon deshalb, weil der 11. November im Unterschied zur Fastnacht immerhin ein Heiligenfest war.


So beteiligten sich hier nicht wie an den tollen Tagen vor Aschermittwoch alle Altersschichten an den Bettelumzügen, sondern lediglich die Kinder. Insbesondere aber bekam der Vorgang des Bittens und Beschenken am Martinstag durch die Vita des Heiligen von vornherein eine über die bloße ökonomische und belustigende Funktion hinausgehende, tiefere Bedeutung. Schließlich hatte in der berühmten Szene vor dem Stadttor von Amiens Martinus selbst ein Vorbild für das bräuchliche Handeln gegeben, da ja auch er einem Bittenden als Schenkender begegnet war.


Dass die Bettelumzüge der Kinder am Martinstag eine lange Tradition haben, bestätigen die zahlreichen überlieferten Heischelieder, von denen die ältesten immerhin bis ins 14. Jahr-hundert zurückgehen. Sicheres dazu ist erst ab dem späten 15. Jahrhundert zu sagen, als am 11. November mehr und mehr das Entzünden eines Martinsfeuers und die Kinderumzüge allmählich mit Laternen zur Tradition wurde, die das Fest des heiligen Martins seither optisch am stärksten prägen.


1  Eier galten als „flüssige Fleisch“, und Schmalz fiel in seiner Eigenschaft als Fettprodukt aus dem Fleisch warmblütiger Tiere unter das Fastengebot. Dass es sich bei der Fastenachts-Bäckerei tatsächlich primär um das Aufbrauchen dieser beiden Nahrungsmittel ging, beweisen nicht zuletzt die Benennungen für den Donnerstag vor Fastnacht, der sich im Lauf der Zeit als klassischen Backtermin herauskristallisierte: Er heißt im deutschsprachigen Raum vielerorts noch heute „fetter, feister, schmalziger, schmutziger (von alemannisch „Schmutz“ = Fett) Donnerstag“  oder eben „Eierdonnerstag“.


Quelle: Werner Mezger, „Der Martinstag – Brauchtum“

Was ist eigentlich „Schnörzen“?